Immer diese alten weißen Männer …
Immer öfter lese oder höre ich den Begriff „alte weiße Männer“, und das meist im Zusammenhang mit einem negativen Männerbild. Als Mann macht mich das traurig. Denn ich bin seit rund 20 Jahren in der Männerarbeit tätig und weiß, dass sich dieser Begriff mit einem weichen „s“ anstatt mit einem scharfen „ß“ besser anhört bzw. liest. Dieser Gedanke kommt mir auch deshalb, weil ich bei meiner Männerarbeit schon so viele weise Männer kennenlernen durfte; weise im Sinne von klug, erfahren und vernünftig.
Was bedeutet „alte weiße Männer“?
Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum und ist seit einigen Jahren auch bei uns ein gängiges Schlagwort. Als „alte weiße Männer“ werden meist ältere Männer bezeichnet, denen man vorwirft, von ihren Privilegien zu profitieren, ohne diese zu hinterfragen. Bekannt wurde der Begriff in Deutschland unter anderem durch das Buch „Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch“ von Sophie Passmann aus dem Jahr 2019.
Kritiker bemängeln, dass damit Menschen allein nach Alter, Hautfarbe und Geschlecht in eine Schublade gesteckt werden. Einen guten Überblick über Herkunft und Kritik gibt der Wikipedia-Artikel zum Begriff „alte weiße Männer“.
Was Männerarbeit wirklich bedeutet
Doch allein schon beim Begriff Männerarbeit haben viele Menschen ein Bild im Kopf, das mit unserer Männerbewegung rein gar nichts am Hut hat. Es geht dabei eben nicht um Aggressivität oder Sexualität, die einen „richtigen Mann“ (was für ein blödes Wort) auszeichnen, sondern um männliche Merkmale wie:
- Willensstärke, die von Herzen kommt
- Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und den Mut, danach zu handeln
- Verantwortlicher Umgang mit Gefühlen wie Angst, Mut, Trauer und Freude
- Verbindlichkeit in Beziehungen
- Die achtsame Beziehung zum eigenen Körper
- Ein Selbstverständnis, das dem eigenen Wesen entspricht
- Ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen im Beruf, in Beziehungen und in der persönlichen Lebensgestaltung
Wie oft hat mir die Männerarbeit schon geholfen, schwierige Situationen im Leben, ob im Beruf oder in der Beziehung, gut zu meistern. Es war das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte!
Warum das alte Männerbild ausgedient hat
Traditionelle Männlichkeit, die sich durch Herrschaft, Kontrolle, Besitz, Leistungsstreben, Gefühlslosigkeit und Härte definiert, ist obsolet geworden. Sie hat die Welt an den Rand atomarer und ökologischer Vernichtung geführt und die Männer mit der Gefahr zunehmender Selbstzerstörung konfrontiert.
Seit die traditionelle Männerrolle in die Kritik geraten ist und der Feminismus immer mehr zunimmt, wirkt das „starke Geschlecht“ allerdings zunehmend verunsichert.
Es ist daher aus meiner Sicht an der Zeit, über ein „neues Männerbild“ in der Gesellschaft zu reden. Und vor allem sind wir Männer gefordert, unserer Männlichkeit einen respektvollen Ausdruck zu verleihen und nicht verunsichert zu sein.
Zwei Frauen schreiben über alte weise Männer
Umso bemerkenswerter ist es, dass zwei Frauen ein Buch über die bedrohte Spezies der „alten weisen Männer“ (mit einem „s“) geschrieben haben. Die Journalistinnen Franca Lehfeldt und Nena Brockhaus schreiben in ihrem Buch „Alte WEISE Männer: Hommage an eine bedrohte Spezies“, „dass in der Diskussion um die Rolle von Mann und Frau ein Umdenken stattfinden muss“. Denn aus ihrer Sicht sind es diese Männer, die alten weißen Männer, die unser Land aufgebaut und am Laufen gehalten haben. Ihre Werte und Erfahrungen bieten einen Kompass in herausfordernden Zeiten, so die zwei Autorinnen. Nach deren Meinung fehlt es vielen Frauen an Demut: Demut vor Erfahrung, Demut vor dem Alter, Demut vor Lebensleistung.

Buchtipp: „Alte WEISE Männer: Hommage an eine bedrohte Spezies“
von Nena Brockhaus und Franca Lehfeldt, erschienen 2023 bei Gräfe und Unzer.
Die beiden Journalistinnen haben dafür mit zehn bekannten Männern aus Film, Politik und Wirtschaft gesprochen. Mehr zum Buch „Alte WEISE Männer“ bei Thalia
Was ich als Coach und Trauerredner bei Männern erlebe
Als Männer-Coach höre ich immer wieder von verunsicherten Männern, die zum Beispiel seit Corona weniger Sozialkontakte haben. Damals brach viel auseinander, was oft seit der Schulzeit zusammengehörte.
Und als Trauerredner habe ich immer wieder die Aufgabe, Männer „im besten Alter“ für immer zu verabschieden. In meinen Gesprächen mit den Hinterbliebenen höre ich dann die Geschichten von Männern, die in die Einsamkeit flüchteten. Sie hatten niemanden mehr, mit dem sie über ihre Gefühle reden konnten. Etwas, womit sich Männer eh schon schwertun. „Schwäche zeigen, das habe ich nicht auf der Rille“, hört man manche Männer sagen, die mit Hilflosigkeit und Ohnmacht nicht umgehen können und dann zu Gewalt neigen.
Vom Jungen zum Mann: Verantwortung übernehmen
Viele Männer haben den Reifeprozess vom Jungen zum Mann nie wirklich erlebt und werden heute noch von Prägungen und Mustern aus Kindheit und Jugend unbewusst gesteuert. Daher ist es in unserer Männerarbeit so wichtig, dass Männer lernen, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung, für sich selbst zu sorgen und zu entscheiden! Nach wie vor gibt es viel zu viele abhängige Männer, die nie gelernt haben, für sich allein zu sorgen. Sie haben zu lange im „Hotel Mama“ gelebt und sind dann gleich zur „nächsten Mutti“ gezogen.
Männerbewegung und Frauenbewegung gehören zusammen
Die Krise als Wendepunkt
Fakt ist, dass die zunehmende Feminisierung vielen Männern Angst macht und viele von ihnen in eine Krise stürzt. Doch das griechische Wort krísis bedeutet Entscheidung oder Wendepunkt, und im Chinesischen teilen sich die Wörter für Krise und Chance sogar ein Schriftzeichen.
Daher möchte ich mit diesen Zeilen sowohl Männer als auch Frauen inspirieren, aufeinander zuzugehen und den offenen und ehrlichen Austausch zu wählen, anstatt in eine Opferrolle oder gar in eine Depression zu verfallen.
Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist.
Simone de Beauvoir
Ich wünsche Dir alles Gute und verbleibe mit herzlichen Grüßen
Dein Berthold